Der Mörder und sein Bischof

Von Thomas Pfanner: Die katholische Kirche ist eines der finanzstärksten Unternehmen der Welt. Gleichzeitig blühen unter dem Deckmantel der Nächstenliebe Intrigen, Korruption und schmutzige Geldgeschäfte. Ein Mann hat besonders unter den Machenschaften der Kirche zu leiden, beinahe geht er daran zugrunde, dass sie ihm alles genommen hat, was man einem Menschen nehmen kann. Einzig der Hass hält diesen Menschen am Leben und verleiht ihm ungeahnte Kräfte. So lässt er die Kirche bluten, Attentat folgt auf Attentat; ewig laufen die Ermittler Katja Preuß und ihr Kollege Joya zu spät am Tatort auf. Während die Einschläge näher kommen – Richtung Kölner Dom – ahnt niemand, dass dabei das Hauptziel fortwährend verfehlt wird. Ein letzter Anschlag soll endlich den Erfolg bringen…

LESEPROBE

Zum ersten Mal seit Tagen blickte er aus dem Fenster, eigentlich teilnahmslos, nur um sich zu beschäftigen. Wetter interessierte ihn nicht, Wetter war eine Angelegenheit für Menschen mit Zukunft. Draußen schien die Sonne und auch hier drinnen bemerkte er nun, da er darauf achtete, eine drückende Schwüle. Er sah dem Treiben auf der Straße zu, sah sich die spärlich bekleideten Menschen an, die schwitzend, aber eilig, irgendwelchen Geschäften nachgingen. Er hasste sie alle, er hasste sie für ihre Fröhlichkeit, er hasste sie für die Unbekümmertheit, mit der sie ihre Mitmenschen abdrängten, behinderten, ignorierten, gefährdeten. Er hasste den Autofahrer, der beinahe eine Frau auf dem Zebrastreifen überfuhr, er hasste ihn dafür, sich auch noch über die Frau aufzuregen; er hasste die Frau, weil sie sich nicht wehrte, sondern wegging. Solche Szenen spielten sich pausenlos dutzendfach ab, es widerte ihn an. Und doch konnte er es nicht lassen, ab und an hinzusehen.

Er rekelte sich, bewegte etwas die müden Knochen, nahm aus seinem Rucksack einen der drei restlichen Marmorkuchen und setzte sich wieder vor den Bildschirm, eine Scheibe nach der anderen achtlos in sich hineinschiebend, halb kauend, halb lutschend. Er brauchte das jetzt, sich mit etwas zu beschäftigen, während der Computer ihn warten ließ. Die entscheidende Phase lief, auf drei der vier Fenster, in die er die Bildschirmanzeige aufgeteilt hatte, leuchteten Hinweis-Meldungen, dass der Vorgang gerade bearbeitet würde, im vierten Fenster tat sich nichts, und solange das so blieb, musste er sich keine Sorgen machen. Obwohl diese Bearbeitung der Vorgänge nur wenige Minuten andauerte, empfand er die Warterei als quälende Ewigkeit. Natürlich hatte er alles gut vorbereitet, natürlich konnte nach menschlichem Ermessen nichts schief gehen, doch gerade die mutmaßliche Leichtigkeit beunruhigte ihn, denn nach menschlichem Ermessen ging immer irgendetwas schief. Seine Unwissenheit darüber, was genau schief gehen mochte, trug wesentlich zu seinem unwirklichen Zeitgefühl bei.

Dann geschah es. Alle drei Bearbeitungsvorgänge endeten fast gleichzeitig und dokumentierten dies mit einer entsprechenden Meldung. Er verlor keine Zeit, unverzüglich beauftragte er ein paar Transportfirmen und machte sich anschließend daran, alle Brücken abzubrechen. Als alles erledigt war, schaltete er den Computer aus, demontierte ihn und trug die Einzelteile ins Untergeschoss, wo er alles in seinem Transporter verstaute. Die nächsten zwei Stunden verbrachte er mit Essen und Entspannen, bis der Magen schmerzte. Andere Signale aus der Wirklichkeit nahm er nicht wahr, er achtete nie auf das, was er aß; wurde ihm schlecht, hörte er auf, so einfach ging das.

Pünktlich begab er sich ins Erdgeschoss, um rechtzeitig die verschiedenen Lieferungen entgegenzunehmen. Nacheinander trafen drei Fahrzeuge ein, Männer stiegen aus und luden ihre Fracht in der Schleuse ab. Die sechs großen Aluminium-Koffer brachte er ebenfalls in seinem Wagen unter, entnahm dem Innenraum einen grünen Overall, zog ihn an, setzte sich hinter das Steuer und verließ die Garage des Gebäudes. Draußen hielt er an, verschloss sehr sorgfältig das Tor, kletterte wieder in den Wagen und fuhr ohne einen Blick zurück weg.

Die große, nicht übermäßig schlanke Frau betrat das General-Vikariat mit langen, festen Schritten in der Gewissheit, dass die Blicke der versammelten Männer ihr nicht nur wegen des lauten Halls ihrer knöchelhohen Stiefel folgten. Seit ihrer letzten Strafversetzung hatte sie sich angewöhnt, ihre Formen mit entsprechender Kleidung einigermaßen provokant in Szene zu setzen. Sie genoss es, eine Frau zu sein, die den Blick eines Mannes, auch eines vorgesetzten Mannes, kühl und geradeheraus erwidern konnte, die den Rücken nicht krumm machte, weder tatsächlich noch im übertragenen Sinn. Sie machte den Männern gern Probleme. Wenn sie aber zudem noch ihre Fraulichkeit hervorkehrte, dann konnte es passieren, dass die Männer dem Blick der Frau nicht mehr standhalten konnten und auf andere Teile ihres Körpers abglitten. Auf diese Weise gewann sie das Augenduell, deshalb fürchtete man sie, und auch deshalb würde sie nie wieder in ihrem Leben befördert werden.

Aufrecht und kühlen Blickes marschierte sie durch die große Vorhalle direkt zu dem imposanten Empfang, hinter dem sich zwei Priester in schwarzem Outfit leise unterhielten. Nicht unfreundlich fragte sie die beiden:
»Wo finde ich das Büro des General-Vikars?«, wobei sie den Grund für das Flüstern erkannte, denn ihre feste Stimme hallte von der Decke wider. Beide Angesprochenen deuteten zum Fahrstuhl, einer gab mit belegter Stimme »Zweiter Stock« zurück; dann schauten auch diese beiden nur noch hinter ihr her.

Als sie im zweiten Stock aus dem Aufzug trat, ließ sie einen langen Augenblick das Chaos auf sich wirken. Ein großer Raum tat sich vor ihr auf, den zahlreichen Arbeitsplätzen nach zu urteilen, das Sekretariat eines wichtigen Menschen. Vielleicht zwanzig Personen führten etwa fünfzehn Gespräche, Polizisten, Kripo-Leute, Angestellte des Vikariats, Priester und noch ein paar Leute, die sie nicht sofort einordnen konnte. Als sie in dem Gewühl ihren Partner entdeckte, setzte sie sich in seine Richtung in Bewegung.
»Na, Schönste, auch die Arschkarte gezogen?«, begrüßte er sie freundschaftlich.
»Natürlich, wir sitzen doch immer gemeinsam in der Tinte. Was haben wir denn hier, Daniel?«
Sie verschränkte die Arme unter ihrer Brust und blickte ihren Partner halb wachsam und halb freundschaftlich an.
»Du hast es noch nicht gehört, hm? Diesmal keine Psychopathen-Kiste, eher hohe Schule des organisierten Verbrechens. So eine Art perfektes Verbrechen. Genau die Sorte publicityträchtiger Pleite, um die unsere Karriere-Bullen einen großen Bogen machen.«

In Erwartung der unvermeidlich auf sie zukommenden schlechten Nachricht seufzte sie und stemmte die Hände in die Hüften. »Aha. Schon bin ich misstrauisch. Könnte ich es einen Tick konkreter haben?«

Daniel Joya, ein kräftiger, gedrungener Mann spanischer Abstammung, der gelegentlich darunter litt, einen halben Kopf kleiner als seine Kollegin zu sein, blinzelte zu ihr hinauf.
»Klar doch, das hier ist Herr Bauchmüller.« Er zeigte auf einen blassen schmalen Menschen mit ungesunder Gesichtsfarbe, mit dem ihr Kollege bei ihrem Eintreffen gesprochen hatte.
»Herr Bauchmüller ist der Rendant hier, so eine Art oberster Kassenwart. Erzählen Sie doch meiner Kollegin, was Sie mir eben erzählt haben.«
Bauchmüller sah ihr mit flackerndem Blick in die Augen, senkte die Lider aber unverzüglich und sprach zu ihrem Bauch. »Wir, nun, wir haben vor zwei Jahren das Online-Banking eingeführt, alle Gelder zwischen den verschiedenen uns angeschlossenen Einrichtungen und Trägern und uns werden über Internet bewegt. Und, nun, und nun sind uns etwa siebeneinhalb Millionen Euro abhandengekommen.«

Sie starrte auf den Scheitel des Stotterers mit milder Verachtung herab und fragte sich, was sie wohl damit zu tun haben sollte. Solche Geschichten gehörten tatsächlich nicht zu ihrem Bereich.

»Aha, und?«
»Nun, es ist nicht wieder aufgetaucht. Jemand hat es. Jemand, den wir nicht kennen.«
Sie verlor die Geduld.
»Also. Ihr Geld ist verschwunden, es ist nicht wieder aufgetaucht und nun ist Ihnen auch klar, dass es weg ist. Außerdem ahnen Sie, dass es sich nicht in Luft aufgelöst haben kann, weshalb Sie denken, jemand anderer muss sich in den Besitz des Geldes gebracht haben. Ich erschauere vor so viel Spürsinn. Joya, kannst du mir die Dinge vielleicht einleuchtend erklären?«
Ihr Kollege räusperte sich. »Denke schon. Fakt ist, dass insgesamt drei Überweisungen gelaufen sind, aus denen sich dieser Raub zusammensetzt, jeweils 2,49 Millionen Euro, alle drei von der Hausbank dieser Spezialisten«, er blickte abfällig zu dem Mann neben ihm, der immer noch ihren Bauch anstarrte, »jeweils an die gleiche Bank, wenn auch auf drei verschiedene Konten. Die Konten lauteten auf drei Bistümer in Afrika, mit denen die Hiesigen öfter Geschäfte abwickeln. Der Haken ist, dass keines dieser drei Bistümer ein Konto bei dieser Bank unterhält. Die Bistümer haben das Geld mithin auch nicht erhalten.«
Katja Preuß schüttelte den Kopf und rieb sich die etwas zu große Nase. Bauchmüller wagte einen undefinierbaren Blick auf ihre langen Finger. Sie antwortete mit einem aggressiven Stirnrunzeln und beschloss, kein Blatt vor den Mund zu nehmen.
»Na bravo. Bei der Gelegenheit, wie sind diese Geistesriesen eigentlich dahintergekommen?«
»Die sind wirklich lustig, Katja, die haben erst gedacht, einer dieser Bischöfe hätte das ganze Geld geklemmt, gibt es nur nicht zu. Haben echt lange und kompliziert ihre eigenen Leute verdächtigt und ausgeforscht, bis sie endlich geglaubt haben, dass jemand anderer es getan hat. Ich denke, die hegen ein gesundes Misstrauen gegen ihre schwarzen Glaubensbrüder. Jedenfalls mehr als gegen ihre weiße Technik. Nun ist es ihnen aber doch klar, dass die Kohle nicht in Afrika steckt, sondern richtig weg ist, ohne Wenn und Aber.« Katja fixierte Bauchmüller, während sie noch nicht ganz begriff, wo das Problem war.
»Aha, dann gibt es also keinen Adressaten, das Geld ist aber noch da, oder?«
Joya lächelte, es erfreute ihn immer wieder, Frauen über die Tücken der Technik aufzuklären. »Nicht direkt. Das Geld wurde abgeholt, die Konten gelöscht.«
Sie machte ein Gesicht wie zehn Tage Regenwetter. Um was ging es denn eigentlich hier? »Ich bin begeistert. Dann wissen wir doch, wer das Geld abgeholt hat. Überhaupt, wo ist das Problem? Irgendwer muss doch so ein Konto eröffnen, mit Ausweis und Gesichtskontrolle. Es muss doch jemanden geben, der gefunden werden kann.«
»Ach, Katja, wir haben doch schon Erfahrung mit diesen Dingen. Das ist wieder so eine typische Internet-Sache. Irgendwer gibt vor, irgendjemand anderer zu sein, den man schon kennt, eröffnet ein Konto, schickt online eine Unterschrift, bucht eine Weile wild herum und verschwindet dann wieder, ohne jemals die Bank wirklich betreten zu haben.«

Sie schaute ihn an, wie eine Mutter ihren Sohn anschaut, wenn er mit zerrissenen Hosen erscheint. »Joya. Dieser Internet-Wahn ist ja gut und schön, aber irgendeine Socke in so einer Bank muss sich doch Gedanken machen, wenn einer ein Konto aufmacht, ein paar Millionen verschiebt und dann auf einmal weg ist.«

Er grinste sie an. Nun erhielt er die Gelegenheit, das System als Ganzes zu kritisieren. »Ja sicher, aber nur wohlig warme Gedanken. Die verdienen doch daran, im Kern ist es denen egal, wer da was macht, Hauptsache, er bezahlt Gebühren und hält die Bilanz-Summe hoch. Die machen sich wesentlich mehr Gedanken über arme Schlucker, die ihr Konto um hundert Euro überziehen.«
»Ist ja lustig, nur: Du hast doch gesagt, dass der angebliche Inhaber ein afrikanisches, oder nein, mehrere afrikanische Bistümer wären. Fragt da nicht mal jemand nach? Ich meine, als die Transaktion anstand.«
»Doch, die haben sich rückversichert, hier im Vikariat allerdings, sozusagen bei sich selbst. Deshalb haben diese Trolle hier auch die ganze Zeit an einen korrupten Afrikaner gedacht. Ist schon ein Ding, diese Priester-Großköpfe haben alle Internet-Anschluss, aber telefonisch sind die partout nicht zu erreichen. Wahrscheinlich nur eine Steckdose, entweder-oder, nun ja.«

Katja funkelte den Buchhalter an, der ihr immer noch nicht in die Augen sehen konnte. »Und was ist mit Ihnen, Bauchmüller, Sie sind doch bestimmt der Ansprechpartner für solche Dinge? Sonst würden Sie nicht so aussehen, als hätte man Sie geprügelt. Die Bank hat also bei Ihnen nachgefragt. Was haben die gefragt und was haben Sie darauf geantwortet?«
Bauchmüller wand sich sichtlich. »Na ja, die haben gefragt, ob es diese Bistümer wirklich gibt, ob wir finanzielle Beziehungen zu denen haben und ob die solvent sind.«
»Siehste?«
Joya klatschte in die Hände. Er liebte es, seine schlimmsten Ahnungen bestätigt zu sehen. Sie ließ sich nicht ablenken.
»Und? Was haben Sie geantwortet?«
»Dass alles seine Richtigkeit hat.«

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Buchinfos

DER MÖRDER UND SEIN BISCHOF von Thomas Pfanner

Krimi / Preis: 4,99 Euro (180 E-Book-Seiten), erschienen im 110th (Satzweiss.com-Chichili)-Verlag – ISBN: 9783845009636

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Autoreninfo & Blog

THOMAS PFANNER

Thomas Pfanner (* 9. Januar 1960 in Mágocs, Ungarn) ist ein deutscher Schriftsteller. Er studierte Geologie, machte eine Ausbildung als Altenpfleger und arbeitete mehr als fünfzehn Jahre in verschiedenen katholischen Einrichtungen als Pflegedienstleiter, später auch als Heimleiter. Aktuell ist er als Gutachter im Gesundheitswesen tätig. Neben wenigen Kriminalromanen und Kurzgeschichten unter eigenem Namen schreibt er hauptsächlich Romane als Ghostwriter, auch hier vorwiegend Kriminalromane, daneben auch Erlebnisberichte und Science Fiction. 2001 veröffentlichte Pfanner seinen ersten Roman. Ihm folgten weitere Kriminalromane. Themen seiner Romane sind meistens Verschwörungstheorien, in aller Regel in der Form eines Kirchenkrimis. Seinen Schreibstil kennzeichnen eine dem Roadmovie entlehnte Dramaturgie, häufige Action-Szenen und eine stets überraschende Auflösung des Plots. Seit einigen Jahren ist er auch als Ghostwriter und unter Pseudonym tätig. Heute lebt und arbeitet er in Bonn.

Bilderrahmen, Pfanner

Weitere Titel

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Die letzte ihrer Art – 4,99 Euro

Katja Preuß -  die in einer Männerwelt resolut agierende  Ex-Polizistin aus den Psychothrillern „Solo für Gomorrha“ und „Der Mörder und sein Bischof“  desselben Autors –  arbeitet mittlerweile als Privatdetektivin. Sie wird beauftragt, ein 15-jähriges Mädchen zu suchen. Fündig wird die Ermittlerin In einem Internat,  in dem die Waise unter anderem Namen lebt. Obwohl der Auftraggeber die Mission seltsam überhastet für erfüllt erklärt, recherchiert Katja  Preuß weiter, ist sie doch mittlerweile einem ominösen Geheimnis auf der Spur, das den seltsamen Teenager umgibt.

Bald fühlen sich mächtige Gruppierungen auf den Plan gerufen, die Katja Preuß  behindern und bedrohen; denn jenes Geheimnis zu lüften, würde einen Skandal nach sich ziehen, dem kein Geschichtsbuch standhielte .

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