Ex & Hopp – Kriminalgeschichten

Horst Eckert: Mit diesem Crime-Medley beweist Horst Eckert, dass er auch die Kunst der hervorragenden Kurzgeschichte beherrscht. Ob humorvoll, melancholisch oder voller Thrill – in seinen sechzehn zum Teil preisgekrönten Storys zeigt er die Bandbreite seines Könnens.

LESEPROBE
Der Minister und der Bär
Sie hörte den Krach und hielt inne. Kurz darauf roch es ganz ähnlich wie manchmal unten im Tal, wenn die Bauern des Dorfs ihren Müll verbrannten. Doch dieser Geruch kam von weiter oben, wo dichter, menschenleerer Wald den Großteil des Bergs bedeckte.
Gab es vielleicht dort oben etwas zu Essen, wie manchmal im Abfall der Bauern?
Ihre Jungs blickten sie an. Noch waren die beiden auf ihre Milch angewiesen, doch die war rar zurzeit. Sie selbst spürte Hunger – in den letzten Tagen hatte es nur Kräuter und Wurzeln, Blüten und junge Triebe gegeben. Beeren reiften noch nicht, Pilze wuchsen hier keine. Und die Jagd auf Fleisch war erfolglos gewesen, seit einer der Bauern ihr in die Schulter geschossen hatte und ihre Beweglichkeit eingeschränkt war. In die Nähe des Dorfs hatte sie sich bislang nicht mehr gewagt.
Aber irgendwann würde sie ins Tal hinabsteigen müssen.
Eine Ziege oder ein Schaf wären nicht schlecht.
Die Kleinen gaben Klagelaute von sich.
Sie hielt die Nase in den Wind. Schließlich beschloss sie, es in Richtung des Gipfels zu versuchen, wo der Wald dichter und unwegsamer wurde und der Geruch seinen Ursprung hatte.

„Wie schaut’s aus, Walter?“, fragte Henning Petzold. Der Besucherstuhl knackte unter seinem Hintern, als er sich vorbeugte. „Komm doch mit!“
Ministerpräsident Castorp schüttelte den Kopf. Ihm war unwohl bei dem Gedanken an die allzu häufigen Lustreisen des Dicken, und er bedauerte es sehr, dass er zwei oder drei Mal teilgenommen hatte. Er fand, dass Henning zu weit ging, wenn er sich regelmäßig von der Landesbank einladen ließ. Immerhin war er als Finanzminister oberster Aufseher des staatlichen Geldinstituts und sollte seine Unabhängigkeit bewahren.
„Die Morgenpost …“, begann Castorp seinen Einwand.
„Vergiss das Käseblatt, Walter.“
„Aber angeblich hat sich bereits ein Reporter nach deinen Flügen erkundigt.“
Unseren Flügen, schon vergessen?“ Petzold lachte. „Nein, mein Lieber, mach dir keine Sorgen. Der Verleger hat gerade um einen Kredit der Landesbank ersucht. Zeitungskrise, verstehst du, die Anzeigenerlöse brechen der Morgenpost weg. Wir sitzen am längeren Hebel. Das Käseblatt haben wir hundertprozentig im Sack, der Reporter ist bereits so gut wie kaltgestellt.“

Castorp wusste, dass er Henning Petzold die Gratisreise nicht einfach verbieten konnte. Er wollte die Freundschaft nicht riskieren, der Dicke war zu einflussreich. Die Partei war ihm hörig. Und keiner im Kabinett fuhr solche Sympathiewerte ein. In der Öffentlichkeit galt er als eiserner Sparer, unbestechlich und gewissenhaft, zugleich volksnah. Einer, der seine Wurzeln als Arbeitersohn nicht vergessen hatte.
Immer, wenn Henning bei ihm im Büro saß, waren die wichtigsten Köpfe des Landes versammelt, und Castorp hatte das Gefühl, insgeheim nur die Nummer zwei zu sein.
„Dir entgeht etwas“, sagte Petzold und zwinkerte. „Drei Tage Entspannung pur. Alles vom Feinsten. Und schon beim Hinflug beginnt die Hasenjagd.“
Castorp wusste, welche Sorte Hasen der Finanzminister meinte.

Neben ihnen deckte die Bedienung einen frei gewordenen Tisch ein. Das Grüne Schaf war neu und angesagt. Trotzdem hatte Petzold nie ein Problem, auch kurzfristig einen Platz zu bekommen.
Nach dem Dessert ging es unter vier Augen ums Geschäft.
„Eine Razzia?“, entfuhr es Vorderwühlbecke.
„Nicht so laut, Manni“, raunte Petzold und unterdrückte hinter vorgehaltener Hand einen Rülpser. Wachtelbrust, Rehfilet und Crème Brulée – ein mittägliches Dreigängemenü im sterngekrönten Edelschuppen wollte ordentlich verdaut sein. Die Aufregung seines Freundes amüsierte ihn.
Der Vorstandsvorsitzende der Landesbank blickte sich um, dann senkte er die Stimme. „Wer hat sich denn so etwas Blödes ausgedacht? Was erzählst du? Beihilfe zur Steuerhinterziehung? Dass ich nicht lache! Wenn man das streng sehen will, besteht unsere gesamte Vermögensverwaltung aus nichts anderem. Als nächstes geht es womöglich unseren Kunden an den Kragen! Versteh mich richtig, Henning, ich rede hier nicht von Lieschen Müller und ihren Spargroschen.“
Petzold zuckte mit den Schultern. „Du verstehst sicher, dass es blöd aussehen würde, wenn ich als Finanzminister die Steuerfahndung stoppen würde.“
„Klar, aber …“
„Beruhige dich, Manni. Der Informationsvorsprung wird dir helfen, nichts anbrennen zu lassen. Vor nächster Woche tut sich da nämlich nichts. Versprochen.“
Vorderwülbecke leerte seinen 96er Château Belgrave. „Wenn das so ist …“
„Natürlich habe ich die Razzia dir gegenüber nie erwähnt. Nicht heute und bei keiner anderen Gelegenheit.“
„Nein, natürlich nicht. Danke, Henning. Du rettest die Bank und ihre Kunden.“
„Und dich, mein Lieber.“ Petzold winkte die Bedienung heran, ein hübsches, blondes Ding von höchstens Mitte zwanzig, und bestellte einen Verdauungsschnaps. „Für dich auch einen?“
Vorderwülbecke schüttelte den Kopf. „Danke, lass mal.“
„Nur einen, Fräulein.“ Er zwinkerte ihr zu. „Und die Rechnung bitte.“
Die Bedienung schob ab.
Der Vorstandsvorsitzende der Landesbank neigte sich Petzold zu. „Für die Warnung hast du natürlich etwas gut bei mir.“
„Nicht nötig, Manni.“
„Diese blöden Steuerfahnder!“ Vorderwülbecke hatte sich noch immer nicht ganz eingekriegt.
„Höchstens um eine Kleinigkeit würde ich dich gerne bitten“, sagte Petzold.
„Nur zu.“
„Unser Pfingsturlaub. Lieber Karpaten als Ibiza, wenn’s geht. Ich würde nämlich gerne einen Bären schießen.“
„Kein Problem.“
„Schädel, Decke und Penisknochen als Trophäe. Und auf dem Rückflug setzt du mich und Tatjana in Split ab. Wir hängen noch ein paar Tage auf meiner Jacht dran. Der Flieger kann uns dann am Zwanzigsten abholen.“
„Tatjana?“
„Ein süßes Ding. Hatte ich noch nicht erwähnt, dass eine Freundin mitfliegen wird?“
„Kein Problem, Henning. Wir kriegen alles zu deiner Zufriedenheit…“
Die kleine Blonde kam mit dem Schnaps und der Rechnung. Das Feuerwasser brannte wohlig in Petzolds Kehle. Er schob den Teller mit der Rechnung seinem Kumpel zu und erhob sich ächzend, dem Fahrer am Nebentisch ein Zeichen gebend.
Bevor er ging, tätschelte er dem Landesbankchef die Schulter. „Übernimmst du das Bezahlen? Hab meine Brieftasche im Ministerium vergessen. Und deine Bank setzt das ohnehin von der Steuer ab.“

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Buchinfos

EX & HOPP von Horst Eckert

Krimi / Preis: 8,99 Euro (215 E-Book-Seiten), erschienen im 110th (satzweiss.com- chichili) – Verlag – ISBN: 9783845009391

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Autoreninfo & Blog

HORST ECKERT

Horst Eckert, Jg. 1959, lebt in Düsseldorf. Seine Romane gelten als „im besten Sinne komplexe Polizeithriller, die man nicht nur als spannenden Kriminalstoff lesen kann, sondern auch als Kommentar zur Zeit“ (Deutschlandfunk), wurden mehrfach übersetzt und preisgekrönt. Zuletzt wurde „Schwarzer Schwan“ (Grafit) als bester deutscher Kriminalroman mit dem „Krimi-Blitz“ von Krimi-Couch.de ausgezeichnet. www.horsteckert.de

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