Garten der Geschwister – Mystery

Von Patricia Brooks: Ein Paar – Richard und Gloria – flüchtet im Auto aus einer Stadt, flieht vor der Untersuchung eines Falles, der das Geheimnis ihrer Beziehung – ein Geflecht aus Liebe, Schuld, Hass und Abhängigkeit – aufdecken würde. Mit dem letzten Tropfen Benzin halten sie bei einem einsamen Haus und treffen dort auf zwei Halbwüchsige – Clarissa und ihr Bruder Phillip -, deren Eltern scheinbar verreist sind. Die Kinder legen es darauf an, ihre zufälligen Gäste länger im Haus zu halten… Eine psychisch labile Frau, ihr überprotektiver Begleiter, ein emotionell eng aneinander gebundenes jugendliches Geschwisterpaar – die Gruppendynamik der vier handelnden Personen lässt den Roman zum nervenaufreibenden Page-Turner

LESEPROBE

Vor zwei Stunden hatten sie die Stadt verlassen. Richard lenkte den grauen Toyota durch die Nacht. Er fuhr ruhig und ohne Hast. Sie waren in diesem Augenblick in Sicherheit, in Sicherheit vor der Vergangenheit und vor der Zukunft. Seine Haltung war entspannt. Er genoss diese Nachtfahrt überland, genoss das Wissen, etwas hinter sich gelassen zu haben und etwas Neues zu beginnen. Eine magische Zeitspanne, eine geistige Freiheit, in der alles offen, alles möglich war. Gloria saß in den Beifahrersitz gekauert und blickte unverwandt aus dem Fenster. Der Lichtkegel der Autoscheinwerfer erhellte einen Ausschnitt der Straße und skizzierte die Idee einer gespenstischen Landschaft. Die Dörfer, durch die sie fuhren, schliefen tief und fest. Richard hatte mit Absicht kleine Landstraßen abseits der großen Schnellstraßen und Autobahnen gewählt. Er hörte Musik aus dem Autoradio und rauchte. Sie sprachen nicht. Es gab in diesem Augenblick nichts zu sagen, nichts was neu gewesen wäre. Gloria lehnte den Kopf zurück, schloss für ein paar Sekunden erschöpft die Augen. Sie fühlte sich elend, jeder Muskel ihres Körpers verspannt. Ihr rechtes Bein schmerzte, ein glühender, peinigender Schmerz, der sich von den Lendenwirbeln bis zur Kniekehle zog. Das alte, schlummernde Leiden, das immer dann erwachte, wenn sie sich überanstrengte oder aufregte. Sie unterdrückte ein Seufzen. Richard wusste es ohnehin. Wusste es immer. Er warf den Stummel seiner Zigarette aus dem Fenster und legte seine Hand auf ihren Schenkel. Sah sie nicht an, schob nur den Saum ihres Rockes ein wenig hoch. Sie spürte die Wärme seiner Handflächen durch den dünnen Kunstfaserstoff ihres Rockes und ihrer seidigen Strümpfe sickern. Ein frostiger Schauer lief über ihren Körper. Sie trug immer noch die Uniform der Versicherungsgesellschaft, für die sie bis vor wenigen Stunden gearbeitet hatte. Taubenblaues Kostüm mit pfirsichfarbener Bluse. Es waren die Erkennungsfarben der Gesellschaft, die sie nun schon fast zwei Jahre lang auf jedem Briefpapier, Prospekt, jeder Versicherungskarte in den Händen gehalten hatte. Sie hätte weinen mögen. Am liebsten hätte sie Richards Hand fortgeschoben. Ließ es aber bleiben. Es war nicht gut Richard jetzt zu verärgern. Sie mochte es nicht, wie er ihr Bein, ihren Schmerz, sie in Besitz nahm, und doch war in dieser Geste auch etwas Tröstliches. Ein Trost, der den Widerwillen nicht aufhob, sondern sich mit ihm verbündete und sie in jene Pattstellung zwang, in der Richard seinen Willen und seine Absichten durchsetzte.
– Versuch zu schlafen.
Sie nickte, ohne ihn anzusehen. Er löste die Hand von ihrem Schenkel, langte über die Lehne seines Sitzes auf die Rückbank und holte seine Jacke hervor. Fürsorglich stopfte er sie ihr auf die Schulter, so dass sie wie ein Kissen zwischen ihrem Kopf und dem Seitenfenster steckte. Gloria klappte die Schöße ihres Mantels über die Knie und zog die Revers mit gekreuzten Armen vor ihrer Brust zusammen. Richard schaltete die Heizung eine Stufe höher und drehte die Musik zurück. Es war nicht das erste Mal, dass sie einen Ort, einen Abschnitt ihres Lebens, eine ausgedachte Identität hinter sich gelassen hatten. Und es würde nicht das letzte Mal sein. Die Abstände wurden kürzer. Aber welche Rolle spielte schon das Maß der Zeit? Es setzte einen mathematischen Anfangsund Endpunkt, aber es war kein Ort, um darin heimisch zu werden. Nicht für Richard, nicht für sie. Das dumpfe, monotone Dröhnen des Gebläses und der Gesang einer klaren, sehnsüchtigen Frauenstimme aus dem Autoradio hoben Gloria auf und trugen sie fort.

Als sie erwachte war der Morgen angebrochen. Hell und strahlend erstreckte sich die unbekannte Landschaft vor ihren Augen, braune Felder in Winterruhe, lose gestreute Waldgruppen, kleine Dörfer im Glanz einer kräftigen Morgensonne. Es war Februar und ein blitzendes Versprechen von Frühling lag in der Luft. Dennoch verspürte Gloria keinerlei Freude daran. Ihre Gedanken und Gefühle waren taub und benommen. Sie streckte den Rücken, strich sich über das Bein.
Richard beobachtete sie von der Seite.
– Geht es dir besser?
Sein Lächeln war warm und voll Anteilnahme. Aber seine Augen waren so kalt und frisch wie das Blau des Himmels. Gloria ließ sich in den Sitz zurückfallen.
– Irgendwann muss damit Schluss sein. Ich halte das nicht aus, es macht mich krank.
– Du hast immer noch Schmerzen, nicht wahr?
– Ja. Aber es sind nicht die Schmerzen, die mich krank machen.
– In ein paar Tagen sind wir weit von all dem fort. Dann ist auch alles vergessen. Wir suchen uns einen schönen Ort und fangen wieder neu an. Wir können tun und lassen, was wir wollen.
– Für wie lange? Und wozu? Es hat überhaupt keinen Grund gegeben, dass wir fort mussten.
– Es ist dir nicht gut gegangen.
– Mir ist es gut gegangen! Bis gestern am Abend ist es mir sehr gut gegangen!
– Gloria, du sollst dich nicht aufregen.
– Ich rege mich aber auf. Wieso sollte ich mich nicht aufregen?
– Nimm eine Tablette, das hilft.
Sie hasste dieses ruhige, besorgte, geduldige Gesicht, das er ihr entgegenhielt. Wie immer wenn er über Tabletten sprach.
– Gegen was? Gegen die Schmerzen? Die Angst? Den Rest der Welt?

Er zündete sich eine Zigarette an und schwieg. An der Art, wie er den Rauch tief in seine Lungen sog und in einem Schwall wieder ausstieß, erkannte sie, dass er verstimmt war. Das machte sie wütend auf ihn, noch wütender, als sie ohnehin schon war. Es war seine Schuld, dass sie jetzt im Auto saßen und wieder einmal Hals über Kopf alles aufgeben mussten. Aber es war ein schlechter Zeitpunkt, um zu streiten. Sie waren aufeinander angewiesen. Immer, und jetzt besonders.
– Tut mir Leid, sagte sie einlenkend, ich bin einfach nervös.
– Du bist erschöpft, du hast nicht genug geschlafen. Versöhnlich griff Richard den Faden auf, den sie ihm hinhielt.
– Wir brauchen Benzin. An der nächsten Tankstelle werden wir halten, und dann können wir dort frühstücken. Gloria hatte keinen Hunger, verspürte keinen Wunsch nach Essen. Sie war durstig, ihre Zunge klebte dick am Gaumen.
– Haben wir Wasser?
– Ich weiß nicht. Sieh nach.

Sie beugte sich vor und tastete mit der Hand über den kurzen Flor des Bodenbelags, fischte eine Plastikflasche mit Mineralwasser unter ihrem Sitz hervor. Sie trank in großen, hastigen Schlucken. Das Wasser schmeckte schal und alt, aber es löste den bitteren, klebrigen Belag in ihrem Mund, spülte ihn fort. Sie hielt Richard die Flasche hin.
– Möchtest du auch?
Er schüttelte den Kopf. Also kippte sie den Rest in ihren Mund, schraubte die Flasche zu und warf sie auf den Rücksitz. Für einen Augenblick fühlte sie sich besser. Als Richard die Zigarette im Aschenbecher ausdrückte, entdeckte sie einen feuerroten Striemen, der von der Wurzel des Daumens quer über seinen Handrücken lief.
– Du hast deine Hand verletzt, sagte sie.
– Ach, ist nicht der Rede wert.
– Eine Brandwunde, stellte sie fest.
– Nein. Ich habe mir die Hand eingeklemmt, als ich unsere Sachen in den Wagen gepackt habe.
Gloria glaubte kein Wort davon.

Sie hielten Ausschau nach einer Tankstelle. Die Landschaft war dünn besiedelt, ab und zu durchquerten sie Dörfer, deren Bewohner für sie unsichtbar blieben. Die Gegend war menschenscheu. Der einzige Gasthof, an dem sie vorbeikamen, war geschlossen. Die Straße zog sich in leichten Kurven über Wald und Wiesenhügel. Sie gehörte ihnen alleine. Aber nirgendwo eine Tankstelle, nur ab und zu ein einsam stehender Hof, eingebettet in die Eintönigkeit der Landschaft. Abweisend und verschlossen. Diese Höfe sahen unbewohnt aus. Der Zeiger der Benzinanzeige sank in den roten Bereich, das Warnlämpchen leuchtete bereits auf. Gloria wurde nervös. Ein dünner Film von Schweiß überzog ihre Haut. Der Stoff der Bluse klebte in ihren Achselhöhlen. Es blieben ihnen also noch fünfzehn, zwanzig Kilometer zu fahren. Und dann?
– Da!, sagte Richard.
Sie folgte mit ihrem Blick seinem Finger. Rechts von der Straße führte ein Weg durch das dürre Gestrüpp von Ästen zu einem Haus.
– Wir werden es hier versuchen. Sonst müssen wir zu Fuß weiter.

Richard bog von der Straße in den Weg ein, der nahtlos von einem Stück Wald in einen verwilderten Garten überging. Eine grünbraune, winterliche Wiese mit kahlen Bäumen und struppigem Buschwerk erstreckte sich bis zu einem alten Haus. Auf einer Teppichklopfstange an halbverrotteten Seilen eine alte Kinderschaukel. Unmittelbar vor dem Haus war ein rechteckiges Schwimmbecken mit wasserblau gestrichenen Wänden in die Erde eingelassen, darum herum lief, wie der Rahmen eines Bildes, ein zwei bis drei Meter breiter Betonweg. Das einzig Makellose an diesem Anwesen. Dem alten Landhaus waren deutlich Spuren von Verfall anzusehen. Der hellgraue Verputz der Fassade war rissig und an manchen Stellen abgeblättert, die Fensterrahmen wirkten verzogen und der Lack war gesprungen. Es war aber bewohnt. Zwei der Fenster im ersten Stock standen sperrangelweit offen. Der Kies knirschte unter den Rädern des Toyota. Richard stellte den Wagen ein paar Schritte vor dem Haus ab. Sie stiegen aus. Gloria streckte sich. Es war ungewöhnlich warm für einen Februartag. Die milde, frühlingshafte Luft legte sich wie Seide auf ihr Gesicht.

Richard klopfte an das Tor. Oben am linken Fenster erschien der Kopf eines halbwüchsigen Mädchens, ihr Haar war blond und fiel ihr ins Gesicht, als sie sich aus dem Fenster beugte und zu ihnen herabsah.
– Was gibt es, fragte sie unwirsch.
– Wir haben kein Benzin.
Das Mädchen verzog das Gesicht.
– Ja und? Was soll ich da machen?
Richard hatte den Kopf nach hinten geneigt und beschirmte mit der Hand seine Augen.
– Vielleicht kannst du uns sagen, wo wir Benzin bekommen können.
Er lächelte liebenswürdig und unverschämt.
– Nein, kann ich nicht.
– Kannst du vielleicht einen Augenblick herunterkommen?
Das Mädchen seufzte gereizt.
– Wenn es unbedingt sein muss.

Ihr Kopf verschwand aus dem Fensterausschnitt, kurz darauf stand sie in der Tür. Sie war vierzehn oder fünfzehn, das Haar reichte ihr bis zur Schulter. Sie trug Shorts und einen kurzen, beigen Baumwollpullover, der zweifingerbreit ihren nackten Bauch freigab. Oberhalb ihres Nabels steckte eine kleine silberne Kugel. Sie musterte Gloria und Richard unverhohlen und ohne Sympathie.
– Was wollt ihr?
– Sind deine Eltern zu Hause?
– Nein, nur der Kleine und ich.
– Wir brauchen Benzin. Gibt es hier in der Nähe eine Tankstelle?
– Glaube ich nicht. Es ist mir jedenfalls noch nicht aufgefallen.
– Habt ihr vielleicht welches im Haus?
– Benzin? Wozu sollten wir Benzin im Haus haben?
– Oder weißt du, wo wir welches bekommen könnten?
– Keine Ahnung.

Sie lehnte mit verschränkten Armen im Türrahmen und zuckte ungeduldig mit den Schultern.
– Wie weit ist es zum nächsten Nachbarn?
– Wir haben keine Nachbarn.

– Hör zu, das Problem ist, dass unser Tank so gut wie leer ist. Und ohne Benzin können wir nicht weiterfahren. Wir brauchen eure Hilfe. Wir sitzen hier sozusagen fest.
Dieser Gedanke gefiel ihr ganz und gar nicht. Sie verdrehte die Augen. Richard und Gloria hier im Haus zu haben, war offenbar das letzte, was ihr noch gefehlt hatte.
– Na ja. Vielleicht kann euch mein Bruder weiterhelfen, der weiß in solchen Sachen eher Bescheid. Aber er schläft noch. Wenn ihr wollt, könnt ihr ja auf ihn warten. Da hinten im Schuppen sind Gartenstühle.
Sie trat einen Schritt aus der Tür und deutete nach rechts.

Buchinfos

GARTEN DER GESCHWISTER von Patricia Brooks

Roman / Preis: 3,99 Euro (95 E-Book-Seiten), erschienen im 110th (satzweiss.com- chichili) – Verlag – ISBN: 9783845008134

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Autoreninfo & Blog

PATRICIA BROOKS

Patricia Brooks, geb. 22.11.1957 in Wien Mitglied der Grazer Autorenversammlung (GAV). Annerkennungspreis für Literatur des Landes Niederösterreich 1997. Theodor-Körner-Förderungspreis 1997 Hans Weigel-Literaturstipendium 2000/2001 Staatstipendium für Literatur 2005/2006 Dramatikerstipendium 2008 Projektstipendium für Literatur des BMUKK 2009/10

Bilderrahmen, Brooks

Weitere Titel des Autors

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Kimberly – 4,99 Euro

Eine Cyber-Road-Music-Story
Kimberly wird als Findelkind von Althippie Dirty Daddy gefunden und aufgezogen. Als Kimberly in die Pubertät kommt wird ihr Ziehvater brutalst ermordet. Kimberly muss zunächst ins Kloster und kämpft sich anschließend durch die Wirrungen des Lebens. Bis sie dort landet, wo sie eigentlich schon immer hin wollte. Vielleicht ist aber auch alles ganz anders, und Kimberly war nur ein Bonustrack auf einer Spiele-Software, die ein gewisser Itzo erfunden hat.

„Dieser Roman ist lustvoll umgesetzte und gekonnte Trashliteratur, die mit Versatzstücken und Klischees locker jongliert, zugleich aber erstaunlich sympathisch mit ihren Figuren umgeht. Sozusagen mit einem Herz für Retro, Blues und Rock`n Roll, für Hippies und das unaufgeregte Leben, mit guter Musik und netten Leuten um sich. Beziehungen und Sex kommen durch die Bank ohne Cyber-Klischees aus. Und en passant wird die Musikgeschichte von Hendrix bis Punk und Maschinenmusik abgehandelt. Ein interessanter Mix: Cyberspace mit Bodenhaftung.“ (Karin Cerny, Literaturhaus Wien)

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