Niemand soll dich haben – Krimi

Claudio Michele Mancini/Sanna Felden: Ein Koffer mit einer zerstückelten Leiche, das ist der Auftakt zu einem grandiosen Verwirrspiel, in dem die Kommissare Glatzinski und Levandowski ihre Mühe haben, den Täter zu ermitteln. Erst Polizeipsychologe Dumont kann dem Fall die entscheidende Wendung geben. Augenscheinlich geht es bei dieser Tat um schwerwiegende Liebesverwicklungen, die am Ende den wahren Mörder offenbaren.

GLEICHER TATHERGANG NUR NICHT IN BERLIN SONDERN DIESMAL IM RUHRPOTT…. das ist das Setting zu Claudio Michele Mancinis und Sanna Feldens Regio-Krimi “Niemand soll dich haben”. Hier eine kleine Kostprobe… Schleuse Lirich

»Jupp, komm ma her!«
»Jau.., watt is?«
»Kuck ma da unten, in Kammer II, watt schwimmt’n da?«
Josef Machajewski blickte durch die Panoramaverglasung der Kanzel hinunter in die zweihundertfünfzig Meter lange Schleusenkammer. Seine Augen streiften über die Oberfläche des braunen Brackwassers. »Ich seh’ nix.«
»Ganz hinten…! Da schwimmt doch watt.« Alfred Aschoff deutete in die Richtung des Schleusentors. »Komischet Ding«, murmelte er kopfschüttelnd. »Taucht auf und geht wieder unter.«
»Gib ma her…!«
Jupp nahm dem Kollegen das Fernglas aus der Hand und suchte an der angegebenen Stelle die Wasseroberfläche ab. »Jau, gezz seh’ ich et au. Sieht aus wie’n flachn Behälter oder sowatt.« Er setzte den Feldstecher ab, wandte sich wortlos um, zog seine orangefarbene Dienstjacke von der Stuhllehne und schlüpfte umständlich hinein. Es war kurz vor 18°° Uhr und bald Schichtwechsel. »Ich geh ma runter und hol’ datt raus. Bin gleich widder da.«

Alfred nickte und beugte sich über die Regler des computergesteuerten Leitstandes. Das Meer grüner und roter Signaldioden tauchte sein Gesicht in ein geheimnisvolles Licht.
»Lass aber die Kammer dicht, bis ich datt Dingen raus hab’«, raunzte Machajewski und wandte sich dem Ausgang zu.
»Nimm dä Funk mit und sach Bescheid, wenne fettich bis. Dä Rotterdamer wartet seit ner halben Stunde. Datt is dann dä Letzte für heut‘«, rief Alfred seinem Kollegen nach. Doch Jupp hatte die Tür hinter sich zugeworfen und stapfte bereits auf der Trennmauer der beiden mächtigen Kammern in Richtung Schleusentor. Er hatte eine lange Hakenstange in der rechten Hand, die für solche Fälle an der Rückseite der Eisentreppe hing.

Machajewski, ein grobknochiger Kerl von etwa Mitte vierzig, mit Händen wie Kohlenschaufeln, einer dem man ansah, dass harte Jahre hinter ihm lagen, stiefelte schwerfällig auf der Kammer entlang in Richtung Schleusentor. Sein schütteres Haar, das ihm wirr ins Gesicht fiel, der blasse, großporige Teint und sein gebeugter Gang ließen ihn müde und abgespannt erscheinen. Doch der Schein trog, auch wenn in seiner Miene melancholische Erschöpfung abzulesen war.

Dennoch, Jupp war im Innersten zufrieden. Ja, er selbst, – würde man ihn gefragt haben -, hätte sich als glücklich bezeichnet. Bis vor fünf Jahren war er “auf Zeche” eingefahren und als sie mangels Ergiebigkeit geschlossen wurde, bekam er durch Fürsprache von Alfreds Schwager Michael, der eine einflussreiche Position im Duisburger Rathaus hatte, diesen Job angeboten.
Es war eine ruhige Arbeit, die von den Zyklen der sich öffnenden und schließenden Schleusentore bestimmt wurden. Sie war genauso ruhig, wie der Rhein-Herne-Kanal, der tagein tagaus träge und trüb dahinfloss. Eine Arbeit ohne Hektik und ohne Aufregungen, mit zufriedenstellender Bezahlung und Ortszuschlag Gruppe “S”.

Machajewski hatte die Stelle erreicht, an der Alfred den Gegenstand gesichtet hatte. Das schwappende Etwas entpuppte sich bei näherer Betrachtung als ein Koffer. Und so, wie es aussah, ein ziemlich großer. Doch gleichgültig, ob groß oder klein, alt oder neu, solche Sachen hatten in der Schleusenkammer nichts zu suchen und mussten geborgen werden. Vorschrift!
»Was die Leute allet so innet Wasser werfen«, grummelte er und schaltete sein Funkgerät ein. »Jupp an Brücke, kommen! Hör‘ße mich Alfred?«
»Jau.., watt is gezz?«
»Datt Dingen is’n Koffer. Sieht ziemlich neu aus, wenn’ze mich frachst! Lang liecht der noch nich da drin. Ich hol’ den ma‘ raus.«
»Okay. Beeil’ dich, der Rotterdamer hat mich schon zweimal angefunkt. Der will endlich weiter.«
Alfred beobachtete mit dem Fernglas von der Brücke, wie Jupp nach dem Koffer fischte, der im Abstand von knapp einem Meter von der Kammerwand entfernt auf dem Wasser schaukelte. Er schien mit der Angelei seine liebe Mühe zu haben. Nach einigem Stochern bekam er das Ding an den Haken und zog ihn unter Aufbietung aller Kräfte nach oben. Gerade als er das Ungetüm über den Rand der Mauer hieven wollte, rutschte es ihm aus der Hand. Klatschend stürzte das Gepäckstück wieder auf die Wasseroberfläche und tauchte für einen Moment unter.
»Watt machste für’n verdammten Scheiß!«, knatterte es blechern aus dem Lautsprecher des Leitstandes. Jupp fluchte wie ein Rohrspatz, während Alfred mit leisem Grinsen um die Lippen beobachtete, wie sein Kollege bäuchlings auf der Staumauer liegend versuchte, das Treibgut wieder an den Haken zu bekommen.
»Mach hinne«, rief Alfred ungeduldig ins Mikro. »Stell‘ dich nicht so an«.
»Der ist sauschwer«, presste Jupp angestrengt ins Mikro seines Funkgerätes. »Ich hab’ Angst, dass dä Griff abreißen tut.«
»Hol‘ datt Dingen raus! So schwer kannet nich sein!«
»Halt‘ die Klappe!«, blaffte Jupp zurück und machte sich lang.
Jetzt hatte er das graue Ungetüm am Griff erwischt, fasste mit der zweiten Hand nach, wuchtete den Koffer mit einem Ruck über die Kante und zog ihn auf den Betonabsatz.
»Hab ihn«, keuchte er. »Sauschwer, ich sachet dir! Wieso datt geschwommen is, versteh ich nich. Datt müssen Backsteine oder Goldbarren sein.«
»Mach ihn auf, dann siehße watt drin is«, meinte Alfred mürrisch.

Aschoff versah seinen Dienst nun schon über 25 Jahre im Wasser- und Schifffahrtsamt, und er hatte in seinem Leben schon viele angeschwemmte Koffer und Taschen aus dem Kanal gezogen. Er war, was den Inhalt anbetraf, weniger optimistisch, als sein Kollege. Meist hatte er Leichen darin gefunden, sorgsam verpackt und gebündelt, manchmal auch fein säuberlich tranchiert und portionsweise in Müllsäcke gewickelt. An seine Letzte konnte er sich noch lebhaft erinnern. Jemand hatte eine kleine Frau mit Gewalt in einen großen Reiserucksack gepfercht.
Der grüngelbe Tornister der Marke “ENORM”, mit Beckenstützstrebe und modernem Klettverschluss, hatte eine ziemlich gute Qualität, das hatte Alfred sofort bemerkt. Er hätte das Ding wirklich gut gebrauchen können, zumal sein Urlaub in Bayerisch Eisenstein kurz bevorstand. Und da die Leiche in eine Plastikfolie gehüllt und nicht mit dem Stoff des Rucksackes in direkte Berührung gekommen war, konnte man diesen durchaus als neuwertig ansehen. Alfred war in diesen Dingen nicht sonderlich empfindlich, schließlich war auch Omma in ihrem Häuschen gestorben und nun wohnte er drin.
Kurz entschlossen hatte er den in PVC eingewickelten Leichnam, der mit mehreren Einmachgummis zusammengeschnürt war, aus dem engen Gefängnis befreit und neben das Schleusentor gelegt. Den Rucksack hatte er anschließend im Waschraum mit Handwaschpaste und heißem Wasser gereinigt und in seinem Spind verstaut. Eigentlich wollte er das gut erhaltene Stück nach Dienstschluss mitnehmen, doch die Kripo beschlagnahmte das corpus delicti.

Er redete nicht gerne über diesen Vorfall und das peinliche Verhör, das er seinerzeit über sich hatte ergehen lassen müssen. Er erinnerte sich noch gut an den leitenden Kommissar, der seinerzeit beinahe einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte, weil er, Alfred, in der festen Überzeugung, niemand würde jemals Anspruch an dem Rucksack anmelden, diesen an sich genommen und von allem Übel gereinigt hatte. Man warf ihm Unterschlagung, Zerstörung von Beweismitteln und versuchten Diebstahl vor. Alfred war am Ende durch die Fürsprache seines Vorgesetzten noch einmal mit einem blauen Auge davon gekommen. Jedenfalls verspürte er seither keine Lust mehr, irgendwelche Gegenstände aus der Schleuse zu ziehen.

Alles in allem liebte Alfred seine Arbeit, die er ohne übertriebene Eile verrichtete und jene außergewöhnlichen Vorkommnisse verglich er mit dem gelegentlichen Wellenschlag, den die schweren Pötte beim Durchpflügen des Kanals verursachten und sanft an die Böschungen des Ufers schwappten.
»Ach du liebe Scheiße….«, schepperte es plötzlich durch den Sprechfunk. »Datt darf nich wahr sein…!« Jupps Stimme hatte einen hysterischen klang angenommen und erstarb abrupt.
»Watt is’n los, Jupp?«
»Datt glaubße nich Alfred, watt da im Koffer is«, brüllte der Schleuser mit sich überschlagender Stimme. Alfred drehte den Lautsprecherpegel um zwei Stufen herunter.
»Sach schon«, fragte er, aber ahnte, was auf ihn zukommen würde, denn Jupps Stimme hatte einen panischen Klang angenommen.
»Da is `ne Leiche drin.« Und nach einer Sekunde Pause fügte er völlig außer sich hinzu: »Ne Halbe!«
»Ober- oder Unterteil?«, erwiderte Aschoff mit einem Anflug von Sarkasmus, als habe er vorausgesehen, dass es heute richtigen Ärger geben würde.
»Bisse noch ganz richtig im Kopf…? Mensch Alfred, ich mach keine Witze! Et is wirklich ne Leiche!«
»Ich glaubet dir, Jupp! Sach gezz, isset ‘n Mann oder ne Frau?«
»Mensch, du hass vielleich Nerven, meinße ich hab genau nachgeguckt? Ich glaub ich muss kotzen!«

Alfred dachte fieberhaft nach, was nun geschehen müsse. Doch bevor er zu Ende gedacht hatte, krächzte erneut Jupps Stimme im Äther. »Datt stinkt derartig, datt hält keine Sau aus!« Dann hörte er seinen Kollegen würgen und der Sprachfunk brach jäh ab. Gleich darauf meldete sich Jupp Machajewski mit belegter Stimme zurück. »Bin widda auf Sender…! Watt soll ich jetzt machen?«
»Lass allet so liegen wie’et iss und komm her. Ich ruf die Kripo an. Lass die Finger von dem Koffer und rühr nix mehr an. Sonst is die Malaise am dampfen. Bis die Bullen hier sin, müssenwer den Betrieb übber Kammer Eins abwickeln. Ich brauch’ dich hier oben.«
»Du willst doch nich weiter abfertigen?«
»Watt soll’n wa machen? Dä Rotterdamer auf Warteplatz drei macht mir die Hölle heiß.« Alfred stellte die Schärfe seines Fernrohrs nach. Er sah Jupp in der Grasnarbe kniend wie paralysiertes Karnickel auf den aufgeklappten Koffer glotzen. Er setzte das Glas ab, griff zum Telefonhörer und wählte die Nummer der örtlichen Polizeidienststelle.
»Polizei Oberhausen, was kann ich für sie tun?«, meldete sich eine schnarrende Stimme.
»Ja, hier Aschoff! Verbinden Sie mich schnellstens mit der Kripo.«
Die Leitung knackte und der Gefangenenchor von Nabucco erklang. “Wie sinnig”, dachte Alfred und wartete. Nach einigen Sekunden meldete sich eine forsche Stimme.
»Kriminalkommissar Fleischer!«
»Wasser und Schiffartsamt, Staustufe Lirich, Alfred Aschoff hier. Wir haben ‘ne Leiche gefunden.«
»Wo genau?«
»In Kammer II, bei uns inne Schleuse…«, antwortete Alfred. »In einem Koffer«, fügte er hastig hinzu, denn ihm war das kurze Zögern in der Stimme des Kommissars aufgefallen.
»In der Kammer?«
»Jau, inne Kammer«, bestätigte Alfred in der gleichen Knappheit.
»Dann sind wir nicht zuständig. Bis zur Kammer ja, in der Kammer nein. Rufen Sie die Kollegen in Duisburg an, die Leiche schwimmt nicht auf unserem Gebiet. Außerdem haben wir Dienstschluss.«
»Aber bis getz seid immer Ihr gekommen, wenn watt war!«
»Bis vor einem Jahr. Haben Sie’s nicht mitbekommen? Die Gebietsreform…! Die Gemarkungsgrenzen wurden neu geregelt. Rufen Sie die Kripo Duisburg an!«

Ungläubig starrte Aschoff den Hörer an. »Ach so, ‘tschuldigung«, murmelte er konsterniert, obwohl sein Teilnehmer längst aufgelegt hatte. Hastig blätterte er im Duisburger Telefonverzeichnis bis zum Buchstaben „P“. Er fuhr mit dem Zeigefinger die einzelnen Spalten nach unten und las leise mit: »pas.., per…, Pief…., pil.., pozel.., Mist. Steht da nirgends Polizei drin…? Ah…, zu weit…! Seine Augen arbeiteten sich wieder die Spalten nach oben. Pem… Pok…, Pol…, Polizei – aha..! Zwei, Acht, Null, Null!

topangebote2  topshop2  topstoebern2

Buchinfos

NIEMAND SOLL DICH HABEN von Claudio Michele Mancini/Sanna Felden

Krimi / Preis: 3,99 Euro (220 E-Book-Seiten), erschienen im 110th (Satzweiss.com-Chichili)-Verlag – ISBN: 9783845010892

niemand

Bild,zum Shop,groß

Kategorien

a,shop

c,romane

a1,liebe

d,humor

e,fantasy

f,horror

g,serien

h,kinder

i,sach

j,buchtip

k,sensual

l,fremdsprachig

m,klassiker

n,sprachen

Autoreninfo & Blog

CLAUDIO MICHELE MANCINI

Bilderrahmen, Mancini

Claudio Michele Mancini wurde kurz nach Kriegsende als Sohn einer deutschen Mutter und eines italienischen Vaters geboren und wuchs in der Provinz Verbania am Lago Maggiore auf. 1964 machte er auf einer Klosterschule sein Abitur, studierte in München Psychologie und arbeitete danach als Dozent und Unternehmensberater in Frankreich, Italien, Deutschland und den USA. Seit 2008 lebt und arbeitet Mancini wieder in der Nähe seines Geburtsortes in Suna/Verbania am Lago Maggiore. Im Jahr 2003 erschien seine Satiren-Sammlung Finsterland im Holder-Verlag, Winnenden. Bekannt wurde er durch sein Romandebüt Infamità, das im Jahre 2006 im Ullstein-Verlag erschien. In diesem Thriller beschreibt er psychologische Konstellationen des italienischen Gegenwartsalltags sowie Machtkämpfe innerhalb der Cosa Nostra zwischen dem Mafia-Paten Cesare Carluccio und dessen Rivalen. In seinem Werk Mala Vita (ersch. Feb 2009), dem umfangreiche Recherchen zugrunde liegen, beschreibt er die mafiösen Geldverschiebungen in karibische Steueroasen des Mafia-Paten Romano Grasso.

SANNA FELDEN

Bilderrahmen, Felden

Weitere Titel

traummann

Traummann an Zitronensößchen – 3,99 Euro

36 Kurzgeschichten, mitten aus dem Leben – humorvoll, zynisch und voller Ironie. Claudio Michele Mancini und seine Frau Sanna Felden haben alle Register gezogen und schildern alltäglich Absurdes aus ihrer Sicht der Dinge und aus der SIcht von Mann und Frau. Wenn Sie selbst auch schon mal gerne über dies und das gelästert und Dinge aufs Korn genommen haben, dann finden sie in all diesen Geschichten pures Lesevergnügen. (Vorsicht Satire!).

Ein Kommentar zu Niemand soll dich haben – Krimi

Hinterlasse einen Kommentar zu claudio michele mancini


Kommentar abschicken Cancel Reply