Pan erwacht-Kriminalgeschichten

Von Oliver Buslau: Was ist das Geheimnis der so genannten “Wupper-Stradivari”? Was geschieht, wenn eine Frau das Kleid einer Mörderin geschenkt bekommt? Oder wenn eine Ex-Geliebte in eine scheinbar perfekte Ehe einbricht? Der Krimi-Autor Oliver Buslau versammelt hier 10 nicht nur kriminelle Kurzgeschichten rund um die Themen Mord, Musik und menschliche Merkwürdigkeiten – zum Teil mit einem Hauch Grusel, zum Teil klassisch-mörderisch und abgründig.

LESEPROBE:

Die Wupper-Stradivari
Als André in die Garderobe zurückkehrte, leuchtete ihm die blutrote, sanft geschwungene Samtaussparung des Geigenkastens wie eine offene Wunde entgegen. Ein Schock durchfuhr ihn, sein Herz hämmerte ein wildes Stakkato. Er war nur für einen Moment auf die Bühne gegangen, hatte kurz mit dem Konzertmeister den Soloeinsatz besprochen…

Die Violine war verschwunden. Seine Wupper-Stradivari. Sie war gestohlen worden. Eine andere Erklärung gab es nicht. André brach der Schweiß aus. Vielleicht war der Täter noch in der Stadthalle. Er musste zum Pförtner. Alles abriegeln lassen. Die Polizei verständigen.
Im selben Moment setzte bombastische Musik ein. Eine dramatische Stelle aus dem Violinkonzert von Johannes Brahms. Andrés Handy-Klingelton. Er drückte den Knopf, während er hinaus auf den Flur stolperte. Der Hausmeister saß sicher in seiner Loge am Bühneneingang. Er hastete über den Gang, das Handy am Ohr. „Ja, was?“
„André, wie schön, dass du rangehst.“
„Ich habe jetzt keine …“
Er stolperte um die die Ecke. Die Loge war leer.
„Du vermisst etwas, oder?“
Das Blut pulste in seinen Adern und sorgte für ein hämmerndes Echo in seinen Ohren.
Die Stimme. Er kannte sie. Es war lange her…
„Sei in einer Viertelstunde auf dem Brill.“
Was war das? André lehnte sich an die Wand und schloss die Augen. Er musste sich konzentrieren.
„Was… wollen Sie Geld?“
„Geld?“ Die Stimme brach in keuchendes Lachen aus. „Geld … oh, André. Dass ihr jungen Leute immer nur daran denken könnt!“
„Was wollen Sie dann?“
„Sei pünktlich.“
„Hallo? „
Der andere hatte aufgelegt.
André war in das Foyer der Stadthalle gelaufen. Auch hier keine Spur vom Hausmeister. Die Reihe schwarzer Säulen links und rechts, die das helle, mit Ornamenten verzierte Gewölbe trugen, erinnerte ihn an eine Kirche. Die alten hölzernen Kartenverkaufslogen vor dem Eingang zum großen Saal hatten etwas von Beichtstühlen. In einer Stunde würden sich hier fast tausend Besucher drängen, um ihn zu hören: André Haberkorn. Ihn und seine Wupper-Stradivari.

Wie lange hatte er auf diesen Auftritt hingearbeitet, sich bei Dirigenten vorgestellt, Veranstalter antichambriert, um endlich spielen zu dürfen? Dass es jetzt das eigentlich unbedeutende Katernberger Kammerorchester war, das ihn auftreten ließ, hatte er angesichts des Ortes des Veranstaltung hingenommen – die Historische Wuppertaler Stadthalle war eines der schönsten Konzertgebäude, das man sich vorstellen konnte.

Die Tür zum Saal stand offen. Die verwaisten Notenpulte des Kammerorchesters füllten die Bühne. Dort oben sollte er gleich stehen und Mozarts fünftes Konzert spielen. Umgeben von Stuck und Gold, umrahmt von der verschwenderischen Jugendstilmalerei, unter einem hohen gemalten Himmel voller tanzender Engelchen. Ein prachtvoller Saal, in dem der Klang der Wupper-Stradivari perfekt zur Geltung kommen würde. Bloß …
Du wirst sie nur bekommen, wenn du dich beeilst. Handle. Fahr zum Brill.
Irgendetwas in ihm hatte immer noch geglaubt, jemand spiele ihm einen Streich. Er zog sein Handy hervor und versuchte die Nummer des Anrufers herauszufinden.
Du verlierst nur Zeit.
Er hetzte zum Bühneneingang, vorbei an den Schaukästen mit seinem Bild, die Violine in der Hand. Du wirst sie nur bekommen, wenn du dich beeilst. Handle. Fahr zum Brill.
Das Briller Viertel war eine Erhebung auf der anderen Wupperseite. An dem Hang erstreckte sich das berühmte Villenviertel, wo unter anderem Else Lasker-Schüler gelebt hatte. André ließ das Taxi, das er zum Glück am Hotel neben der Stadthalle gefunden hatte bis zum Wendehammer hinauf fahren, bat den Fahrer zu warten und eilte zu Fuß weiter. Ein Jogger kam ihm entgegen, ein paar Spaziergänger. Er sah auf die Uhr. Noch knapp eine Stunde bis zu seinem Auftritt… Wo sollte er hin? Der Wald war groß. Eine alte Frau mit einem Dackel an der Leine sah erschrocken auf, als aus Andrés Tasche wieder Brahms ertönte.
„Du bist folgsam“, raunte die Stimme. „Das ist gut. Geh zum Weyerbuschturm.“
Er wollte etwas fragen, aber der Mann hatte die Verbindung gekappt.

Trotz des kühlen Wetters kam André ins Schwitzen, als er auf den altertümlichen Turm zulief. Er wirkte wie Rapunzels Behausung in einem dieser tschechischen Märchenfilme. Weit oben ragte unter den Zinnen ein Erker mit Fenstern hervor. Ein rundes spitzes Dach krönte das Bauwerk. An seinem Fuß lag unter kahlen Bäumen ein verwaister Spielplatz. Eine Rutsche spiegelte matt das graue Licht des Herbstabends. André sah sich um. Niemand war in der Nähe. Aber auf der untersten Stufe der Treppe, die zum Turm hinaufführte, lag etwas. Ein schäbiger alter Geigenkasten. Was sollte das jetzt? Eine Geigenentführung, und dann gab man ihm das Instrument zurück? Er rannte hinüber, und er hatte es fast erwartet, dass genau in dem Moment als er die Treppe erreichte, der Brahms wieder losdudelte.
„Keine Angst, du wirst dein Konzert geben.“
Er hätte erleichtert sein müssen, aber das Gefühl wollte sich nicht wirklich einstellen. Man legte ihn herein, oder?
Er hob den Kasten mit der linken Hand an und bewegte ihn leicht. Da war etwas drin. Am liebsten hätte er hier an Ort und Stelle nachgesehen. Aber das war zu gefährlich. Die Violine konnte durch die Luftfeuchtigkeit hier draußen Schaden nehmen.
„Was soll das alles?“, keuchte er ins Telefon.
„Fahr zurück und freu dich auf deinen Auftritt.“
Als er das Taxi erreichte, schmerzten seine Lungenflügel. Er ließ sich auf die Rückbank fallen und umklammerte den alten Geigenkoffer. „Zur Stadthalle“, brachte er hervor. Noch eine knappe halbe Stunde. Zum Glück stand als erstes irgendeine Rossini-Ouvertüre auf dem Programm, dann kam André mit dem Mozart, und nach der Pause gab es noch Beethovens Fünfte. Auf dem Gang vor der Garderobe begegnete er dem Dirigenten, der bereits Frack trug. „Wir dachten schon, du wärst verschollen“.
„Keine Angst, ich bin in fünf Minuten fertig.“
André schloss die Garderobentür und deponierte den Geigenkasten auf dem Schminktisch. Mit zitternden Fingern ließ er die Schlösser aufschnappen und hob den Deckel…
Das war nicht seine Violine!
Das war eine verdammte, billige Schülergeige, wie man sie für weniger als dreihundert Euro in jedem Musikalienhandel bekam. Das Blut pochte in seinen Schläfen, und er hätte am liebsten vor Verzweiflung laut losgeheult.
Das Handy.
„Was soll das?“, brüllte André ins Telefon. „Geben Sie mir meine Geige zurück.“
„Deine Geige, soso …“
Und plötzlich streifte ihn wieder diese Ahnung. Der Mann war kein Unbekannter. Er war …

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Buchinfos

PAN ERWACHT von Oliver Buslau

Krimi / Preis: 3,99 Euro (111 E-Book-Seiten), erschienen im 110th (satzweiss.com- chichili) – Verlag – ISBN: 9783845002859

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Autoreninfo & Blog

OLIVER BUSLAU

Oliver Buslau begann im Jahre 2000 mit seinen Krimis um den Wuppertaler Privatdetektiv Remigius Rott seine Schriftstellerkarriere. Neben den Rott-Romanen „Die Tote vom Johannisberg“, „Flammentod“, „Rott sieht Rot“, „Bergisch Samba“, „Bei Interview Mord“, „Neandermord“ und „Altenberger Requiem“ schrieb Buslau die Krimis „Schängels Schatten“, „Das Gift der Engel“, „Die fünfte Passion“ und „Schatten über Sanssouci“. Über die Jahre hat der Autor auch eine Reihe von Kurzkrimis und Kurzgeschichten für Anthologien geschrieben. Einige davon erscheinen hier als Sammelband. Die Geschichten „Ein gemeinsames Geheimnis (Nadine 2)“ und „Nach Norden! Zum Meer!“ waren bisher unveröffentlicht. Oliver Buslau ist Gründer und Chefredakteur von „TextArt – Magazin für Kreatives Schreiben“, einer Zeitschrift für angehende Autoren. www.oliverbuslau.de

Bilderrahmen, Buslau

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